Industriekletterer an Windkraftanlagen
Hoch hinaus für die Energiewende
Von Annekatrin Mücke, SWZ-Autorin
Wer die sich drehenden Rotorblätter einer Windkraftanlage sieht, denkt wohl kaum an die Menschen, die buchstäblich an diesen Anlagen hängen – an Seilen, hunderte Meter über dem Boden, bei Wind und Wetter. Servicetechniker, die für Reparatur und Instandhaltung der Anlagen verantwortlich sind. Einer, der diesen stetig wachsenden Markt mitbegründet hat, ist Robert Jatkowski.

Aus der Froschperspektive: Ein Rotorblatt wird auf Abrieb kontrolliert. Der „Knick“ in der Rotorblattspitze ist ein sogenanntes Winglet und dient zum kontrollierten Strömungsabriss.
Foto: hi.work
Inspektion und Reparatur
Eine zukunftsorientierte Ausrichtung, die sich heute bezahlt macht. Seit dem 1. Juni 2023 führt er sein eigenes Unternehmen hi.work. Die Firma ist spezialisiert auf die gesetzlich alle 2 bis 4 Jahre vorgeschriebene Inspektion und die Reparatur der riesigen Rotorblätter. Besonders an den Vorderkanten kommt es bei Geschwindigkeiten von bis zu 320 km/h zu Erosionen, die regelmäßig ausgebessert werden müssen. Dafür steigen 2 bis 3 Techniker im Inneren des Turms an einer Art Sprossenleiter mit Fallschutzsystem bis ganz nach oben in das Maschinenhaus, an dem die Rotorblätter befestigt sind. Erst ab einer Höhe der Anlagen von mehr als 100 Metern gibt es den Luxus von Fahrstühlen. „Windkraftanlagen sind für die Arbeit per Seilzugang gut geeignet, weil es genügend Anschlagpunkte zum Befestigen gibt und man sich letztlich fast immer grade nach unten abseilen kann“, erklärt Robert Jatkowski.
Erleichternd kommt hinzu, dass die Arbeitsmaterialien von außen per Kran oder Winde nach oben befördert werden. Bei aufwändigeren Reparaturen setzt hi.work sogar mobile Arbeitsbühnen ein, auf denen sich die Techniker bewegen und auch bei niedrigeren Temperaturen und starkem Wind arbeiten können. Je nach Anforderung sind diese Bühnen offen oder geschlossen. Doch egal, wie gearbeitet wird – ohne Gurtsicherung und Seiltechnik geht hier gar nichts.

Bei Windrädern ab 100 Metern Höhe kommen mobile Arbeitsbühnen zum Einsatz. Alle Arbeitsgeräte, wie der Schleifer, sind an Seilen gesichert.
Foto: hi.work
Zusatzqualifikation Industriekletterer
Deshalb müssen die Techniker eine Ausbildung für die sogenannte „seilunterstützte Zugangstechnik“ haben. Industriekletterer ist entgegen häufiger Annahme kein eigenständiger Beruf, sondern eine Zusatzqualifikation für Fachkräfte wie Monteure, Höhenretter, Baumkletterer oder eben Techniker wie die von hi.work.
Spezialisiert auf diese besondere Art der Ausbildung hat sich die Berliner Alpintec GmbH, die gemeinsam mit hi.work und der Industriekletter-Firma GTR Industrie einen kleinen, aber effektiven Unternehmensverbund bildet. Das übergreifende Motto: Das Klettern selbst ist nicht die Arbeit, sondern lediglich der Weg dorthin. Teamfähigkeit, Zuverlässigkeit, Fitness, ausgeprägtes Sicherheitsdenken und Verantwortungsbewusstsein sollte jeder mitbringen, der sich dieser Herausforderung stellen möchte.
Viele Innovationen
Der wohl innovativste Ansatz des Unternehmens: hi.work stellt mittlerweile selbst Ersatzteile für die Rotorblatt-Reparaturen her. Und hat in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dresden und dem Fraunhofer-Institut für Leichtbau und Galvanik auch ein patentiertes Vakuum-Heizsystem dafür entwickelt. „Damit sind wir in dem Bereich Rotorblatt-Service auch wieder einzigartig, sodass wir die komplette Wertschöpfungskette von der Produktion der Ersatzteile bis zu deren Einbau anbieten können“, umschreibt Robert Jatkowski seine Unternehmensstrategie. Damit eröffnet er auch langjährigen Mitarbeitern, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr im Seil arbeiten können, neue Perspektiven in einer Branche, in der Arbeitskarrieren sonst wesentlich früher enden. Und bietet vielen Menschen eine interessante Tätigkeit, die lieber in luftigen Höhen arbeiten als in den Niederungen eines wohltemperierten Büros.