Skip to main content

Suchen, bergen, zurückführen

Rehkitzrettung in Brandenburg

Von Annekatrin Mücke, SWZ-Autorin

Wiesen sind wahre Naturwunder-Welten: Lebensraum, Futtertrog und Kinderstube zugleich. Insekten legen hier ihre Eier ab, Vögel brüten im Schutz der Gräser und auch Rehe nutzen Wiesen bevorzugt als sicheres Versteck für ihre Jungtiere.

Die Wiese als Kinderstube

Die Ricke – das Weibchen – legt ihr Kitz im dichten Gras ab und hält sich nur zum Säugen und Putzen bei ihm auf, damit Fressfeinde nicht auf den Nachwuchs aufmerksam werden. Das Kitz selbst bleibt regungslos an dem Platz liegen, drückt sich bei Gefahr tief in den Boden, statt zu flüchten. Die weißen Flecken auf dem Rücken machen es unsichtbar, denn sie brechen das Sonnenlicht. Außerdem hat das Jungtier noch keinen Eigengeruch und ist so geschützt vor Fuchs, Dachs und Wolf. Doch der fehlende Fluchtinstinkt wird ihm zum Verhängnis, wenn Anfang Mai die Mahd beginnt – und mit ihr die gefährlichste Zeit für Rehkitze.

Ein aufgefundenes Rehkitz wird mithilfe von Handschuhen und Grasbüscheln aufgenommen, damit es nicht den Geruch der Retter annimmt und später von der Ricke wieder angenommen wird.
Foto: Henrike Israel

Ein gerettetes Rehkitz in der Box. Es wird später nahe des Fundortes wieder platziert.
Foto: Marina Neumann

Strukturelles Problem

Brandenburg ist ein Flächenland. Viele landwirtschaftliche Betriebe bewirtschaften hunderte Hektar – eine Folge der DDR-Produktionsgenossenschaften. Große Flächen bedeuten jedoch auch große Maschinen: Die Fahrer sind weit vom Boden entfernt. Ein Rehkitz, das sich ins Gras drückt, ist von dort oben kaum oder gar nicht zu erkennen.

Auf dieses Problem wurde Marina Neumann vor über 13 Jahren aufmerksam. Sie machte sich kundig, beobachtete das Verhalten der Rehe und fragte einen benachbarten Landwirt, ob sie seine Wiese vor der Mahd absuchen dürfe. „Am Anfang bin ich von den Landwirten nur belächelt und weggeschickt worden“, erinnert sich die zielstrebige Frau. „Es war ja auch wirklich lächerlich, 11 Hektar ablaufen zu wollen. Aber dann hat einer gesagt, ja mach mal.“ Denn die verwesenden Kadaver der Kitze können in dem Futter-Heu zu tödlichen Vergiftungen der Nutztiere führen. Marina Neumann suchte zunächst ein kleineres Grundstück ab und fand tatsächlich zwei Kitze. In der nächsten Saison durchstreifte sie gemeinsam mit ihrem Mann schon mehrere Wiesen und entdeckte sieben kleine Rehe. Doch schnell war klar, es muss Technik her.

Schulung der ehrenamtlichen Helfer der „Rehkitzrettung Brandenburg e.V.“
Foto: Silvia Passow

Die Drohne der Rehkitzretter kommt in Absprache mit den Landwirten zum Einsatz.
Foto: Silvia Passow

Drohnen statt Menschenketten

Die Neumanns verzichteten ein paar Jahre auf Urlaub und kauften stattdessen eine Drohne mit Wärmebildkamera und andere technische Hilfsmittel. „Wir haben um die 20.000 € investiert, das überstieg irgendwann unsere Möglichkeiten“, erzählt Marina Neumann. Deshalb gründeten sie 2021 gemeinsam mit fünf Gleichgesinnten den Verein „Rehkitzrettung Brandenburg“, der inzwischen auch staatliche Förderung erhält.

Die Rehkitzretter sind im Frühjahr fast täglich auf Feldern und Wiesen unterwegs. In den frühen Morgenstunden, wenn der Temperaturunterschied zwischen dem Körper des Kitzes und der noch kühlen Umgebung am größten ist, fliegen die Drohnen-Piloten die Flächen systematisch ab. Wo die Wärmebildkameras fündig werden, sammelt ein „Wiesenteam“ dann die Kitze ein. Die Retter dürfen ihren Geruch dabei nicht auf die Tiere übertragen, denn dann nimmt die Ricke ihr Junges nicht mehr an. Das Kitz wird deshalb mithilfe von Handschuhen und Grasbüscheln in Kisten gesetzt, außerhalb der Mähfläche in Sicherheit gebracht und der jeweilige Fundort markiert. Denn in dessen Nähe sollte das Kitz wieder platziert werden, damit die Ricke es auch findet. Allerdings muss es erneut geschützt in hohem Gras versteckt werden. So gelingt es mittlerweile, rund 95 Prozent der Kitze aufzuspüren und zu retten. Darauf sind Marina Neumann und ihre Mitstreiter zu Recht sehr stolz.